Ariane 6: So läuft der Erstflug der neuen europäischen Rakete ab (2024)

Am Dienstagabend ist die neue europäische Rakete zum ersten Mal gestartet. Um 21 Uhr ist sie erfolgreich vom Weltraumbahnhof der Europäischen Weltraumagentur (ESA) abgehoben. Nach ESA-Angaben wurden mehrere Satelliten ausgesetzt. «Wir schreiben heute Geschichte», sagte Esa-Chef Josef Aschbacher in Kourou. «Heute ist ein grosser Tag, zum Feiern.»

Doch der Flug endete nicht plangemäss. Ein Hilfsantrieb in der Oberstufe zündete zwar zunächst, stoppte dann aber, wie der Chef des Raketenbauers ArianeGroup, Martin Sion, sagte. «Wir haben ein Vorkommnis, das wir noch nicht verstehen» – nämlich warum der Hilfsantrieb gestoppt habe. «Aber der Rest der Mission verlief nach Plan.»

Vorgesehen war, dass die Rakete bei ihrem Jungfernflug 17 Nutzlasten ins All bringt. Am Ende sollte die Oberstufe auf dem Weg zurück zur Erde verglühen. Weil der Hilfsantrieb stoppte, zündete das Vinci-Triebwerk der Oberstufe nicht erneut, um die zwei letzten technischen Passagiere auszusenden. Sie werden nun in der Oberstufe bleiben, die im All verbleibt.

In der Startphase seien wie vorgesehen mehrere Satelliten ausgeliefert worden. Es sei alles perfekt gelaufen. Danach habe es eine Demonstrationsphase gegeben, um zu schauen, wie sich die Oberstufe der Rakete in sogenannter Mikrogravitation verhält, einem Zustand, in dem die Gravitationskraft nicht oder extrem schwach wirkt.

Sion sagte zu dem Vorfall: «Das ist bedauerlich, aber das ist auch der Grund, weshalb wir eine technische Demonstration vornehmen, weil es Dinge gibt, die wir nicht am Boden testen können.» Mit der Testphase am Ende des Erstflugs habe man so viele Informationen wie möglich sammeln wollen.

Die notwendigen Daten, um den Vorfall genauer zu beleuchten, seien noch nicht verfügbar. Sobald klar sei, was genau vorgefallen sei, werde man die Öffentlichkeit informieren.

Ariane 6 ersetzt das Vorgängermodell Ariane 5, das vor einem Jahr seinen 117. und letzten Flug antrat. Seitdem musste Europa seine Satelliten von anderen in den Weltraum befördern lassen.

European Space Agency ESA

Eigentlich hätte die Ariane 6 schon 2020 fertig sein sollen. Der Start wurde aber immer wieder aufgeschoben, nicht zuletzt weil das Projekt komplizierter ist als nötig. Unternehmen aus 13 europäischen Ländern liefern Teile – die Ariane 6 ist für die beteiligten Länder auch ein Projekt zur Wirtschaftsförderung.

Nun ist die Rakete aber abgehoben, von Französisch-Guayana aus. Dort liegt der Weltraumbahnhof der Europäischen Weltraumagentur (ESA) mitten im Urwald. Zwar mussten die Teile aufwendig dorthin verschifft werden, der Standort hat jedoch zwei Vorteile: Erstens liegt er nahe am Äquator. Fliegt die Rakete nach Osten, wird sie von der Erdrotation sozusagen geschleudert. Das spart Treibstoff. Zweitens liegt im Osten von Französisch-Guayana nichts ausser das offene Meer. Das ist sicherer, denn etwa die Hälfte der Erststarts von Raketen gehen schief. Der Erstflug sollte im Idealfall wie folgt ablaufen:

Für den Aufstieg in eine erdnahe Umlaufbahn verbrauchen die zwei Booster und die Hauptstufe über 400 Tonnen Treibstoff. Sind sie ausgebrannt, fallen sie in den Atlantik. Ebenso die Frachtabdeckung. Übrig bleibt die obere Stufe mit der Fracht.

In 500 Kilometern Höhe angekommen, braucht es weniger Kraft. Die obere Stufe hat einen deutlich kleineren Antrieb, genannt Vinci. Das innovative an Vinci ist, dass sich das Triebwerk nach Bedarf ein- und ausschalten lässt. Damit kann die Ariane 6 Satelliten in verschiedenen Umlaufbahnen aussetzen. Die einen tiefer, die anderen höher. Ein letztes Mal zündet Vinci schliesslich, um die obere Stufe zurück in die Atmosphäre zu steuern, wo sie verglüht. Die ESA will so unnötigen Weltraumschrott vermeiden. Dieser Schritt funktionierte bei dem Erstflug nicht.

Transportiert werden auf dem Erstflug nur kleinere Satelliten und Experimente. Die meisten sind sogenannte Cubesats. Sie sind die Schiffscontainer der Raumfahrt und können fast alles an Bord haben. Die erste Ariane 6 soll zum Beispiel einen 3-D-Drucker im All aussetzen.

Im Gegensatz zu den Raketen von SpaceX und den neueren Raketen der Nasa kann nichts an der Ariane 6 wiederverwendet werden. Das ist einer der Gründe, warum die europäische Rakete voraussichtlich deutlich teurer sein wird als die Konkurrenz. Schätzungen liegen bei knapp 5000 Franken pro Kilogramm Ladung. Sogar die 14-jährige Falcon 9 von SpaceX ist nur etwa halb so teuer.

Die ESA betont, dass die Ariane 6 strategische Bedeutung hat. Europa will nicht davon abhängig sein, dass die Vereinigten Staaten, Russland oder Elon Musk seine Satelliten befördern. Dennoch macht sie deutlich, dass auch Europa in Zukunft auf private, europäische Raumfahrtunternehmen setzen will. Eine von der ESA entwickelte Ariane 7 wird es deshalb wohl nie geben.

Mitarbeit: Alex Kräuchi

Quellen: ESA, S. Corvaja, Bruegel

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